Es war einmal in Weilmünster

Geschichten aus der Heimatstube

420 Jahre Marktrechte Weilmünster 1601 – 2021

Der Heimatverein Weilmünster erinnert, frei nach der Chronik von Robert Dann
Redigiert von Heribert Domes

Wir blicken zurück in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. In dieser Zeit ist man von der  Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft übergegangen und die Frondienste wurden in geldliche Abgaben umgewandelt. Mit den Herren der Grafschaft Nassau Weilburg, Philipp II., Ludwig I. und Philipp III kamen die Weilmünsterer Bürger gut zurecht. Alle frühere Sachleistungen sind von dieser Zeit an in Geldform entrichtet worden. Als nun Graf Abrecht 1561 seinem Vater folgte führte dieser ab 1563 erneut Natural-Dienstleistungen in einer solchen Höhe ein, dass der Eindruck entstand, der Graf wolle die Bürger der wohlhabenden Gemeinde unter Druck setzen. Dadurch wurde das lange Jahre bestandene patriarchische  Verhältnis zwischen den Bürgern von Weilmünster und der Grafschaft Nassau Weilburg ernsthaft getrübt.

Mit ungeschickter Hand und wenig Fingerspitzengefühl versuchte Graf Albrecht seine Forderungen gegenüber den Bürgern von Weilmünster durchzusetzen und schreckte auch vor Gewalttaten nicht zurück. Dies ließen sich die Einwohner von Weilmünster nicht gefallen. Sie verweigerten die geforderten Dienste und klagten ab 1563 beim Reichs Kammergericht in Speyer um mit Hilfe des kaiserlichen Gerichtes ihre Rechtsansprüche durchzusetzen. Zwischen 1563 und 1586 brachten sie 46 Klagen vor. Ein schwieriger und langwieriger Prozess entstand.

23 Jahre dauerte der Konflikt zwischen Weilmünster und seinem Landesherren, der von 1577 bis 1584 nahezu einem förmlichen Kriege glich. In dieser Zeit ließ Graf Albrecht etwa 4000 Stück Vieh pfänden, er ließ alle diejenigen ausweisen, die ohne Erlaubnis seiner Beamten in sein Gebiet eingewandert waren und dort geheiratet hatten, um nur wenige der Repressalien zu erwähnen. Die Weilmünsterer Einwohner sind ihrem Herren in dieser Konfliktzeit nie eine Antwort schuldig geblieben. Es entstand eine Bauernrebellion, eine heroische Tat. In dem letzten und härtesten Abschnitt dieses Kampfes schrien die Weilmünsterer Einwohner ihren Landesherren  als Pharao, als Dionys und als Maxentius aus.

Der Fall war schwierig und wurde immer anstößiger, je länger er sich hinzog. Die beiden Schwager von Graf Albrecht, Johann VI. von Nassau Dillenburg und Konrad von Solms Braunfels bewogen im Februar 1584, dass er Graf Albrecht den reumütigen Weilmünsterer Bürgern verzeihen solle. Als Ende 1584 immer noch etwa 100 Bauern in ihrem Widerstand beharrten, wanden sich Albrechts Verwandte an den Kaiser. Rudolf II. beauftragte 1586 die freie Reichsstadt Frankfurt die noch bestehenden Streitigkeiten zu schlichten. Das Urteil, das einen Schlusspunkt hinter den Streit zwischen der Gemeinde Weilmünster und der Herrschaft Nassau Weilburg setzte, wurde am 13. Februar 1587 von der Freien Reichsstadt Frankfurt gefällt. Für Weilmünster fiel der Richterspruch günstiger aus als Anfangs befürchtet. Die Bürger konnten ihren etwa 5000 ha. großen Laub und Nadelwald behalten, sie mussten nur die 1588 ha große Waldfläche „Burgk“ für 1200 Gulden an den Grafen verkaufen.  Weitere Einzelheiten dieses Urteils sind nicht überliefert. Am 08. Mai 1588 erkannte Weilmünster diesen Schiedsspruch an.

Graf Albrecht verstarb am 11. November 1593 auf seinem Schloss in Ottweiler und wurde fern seiner Heimat in der Klosterkirche zu Neumünster im Saarland begraben. Erst unter seinem Sohn und Nachfolger Graf Ludwig II. bahnte sich sehr rasch ein besseres Verhältnis zu den Einwohnern von Weilmünster an. Um sich mit den Bürgern Weilmünsters auszusöhnen bat Ludwig II. den Kaiser Rudolf II. im Februar 1601 um die Erhebung Weilmünsters zum Markttor. Er ließ seinem Kaiser wissen, dass in seiner Grafschaft ein Dorf mit Namen Weilmünster liegt, dass bis heute noch keine offenen Jahrmärkte besitzt. Er machte darauf aufmerksam, dass wenn man diesem Dorf solche Freiheiten geben würde, es nicht nur demselben Ort, sondern auch allen benachbarten, die dort die Märkte besuchen von Nutzen sein würde.

Auch Graf Ludwig II. selbst hatte ein großes Interesse an der Verleihung des Marktrechtes an Weilmünster. Die günstige Lage des Ortes, nur 2 km vom Einhaus, dem Straßenkreuz der Hessenstraße und der Frankfurter Straße und nur 5 km von den Landesgrenzen der Grafschaften Solms Braunfels und Wied-Runkel entfernt, bot Weilmünster die sichere Garantie für einen Markt mit großem Verkehr und starkem Umsatz.

Am 28. August 1601 verlieh Kaiser Rudolf II. im Hradschin, seiner Kaiserburg in Prag, Weilmünster das Recht, 2 Jahrmärkte, den ersten auf Sonntag Lätare (der vierte Fastensonntag mit besonderer Erwartung auf den nahen Frühling, freu dich Jerusalem) und den anderen auf den Sonntag vor Martini, abzuhalten.  In der Urkunde ist zu lesen, „ ...wir versehen das genannte Dorf Weilmünster durch unsere kaiserliche Macht wissentlich mit solcher Gnade, dass seine Einwohner und ihre Nachkommen für ewige Zeiten diese Freiheiten haben. Sie sollen jährlich zu derselben Zeit mit kaiserlichen, gewöhnlichen Freiheiten 8 Tage vor und nach dem Markt gelten. Alle die dort die Märkte mit ihren Waren besuchen, sollen sie feil halten, sie sollen kaufen und verkaufen, sie sollen Freiheit, Schutz und Schirm, Recht und Gerechtigkeit haben, es sollen ihnen die gleichen Freiheiten und der gleiche Schutz gewährt werden, wie in allen anderen Marktorten auch…“

Zum Gedenken an die Verleihung der Marktrechte am 28. August 1601 durch Kaiser Rudolf II. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, feiert Weilmünster jährlich seine Kirmes am zweiten Wochenende im September. In diesem Jahr wäre die 420. Kirmes zu feiern gewesen, die leider Corona bedingt ausfallen muss.

rudiczech als Maler stadtschreiber 400jahrfeier 2001

Zur Erinnerung an die Verleihung der Marktrechte anlässlich der 400jahr-Feier – Marktrechte Weilmünster – im Jahre 2001, veröffentlichte Rudi Czech die nachfolgende Geschichte in Reimform mit Hilfe der Weilmünsterer Mundart.

Das Bild zeigt Rudi Czech in seiner Rolle als Maler und Stadtschreiber während der 400jahr-Feier am 09. September 2001.

 

Wej Weilmiester zum Maadrecht kam

Woahrscheints kunnte us Vorfahrn nit all schreiwe unn lese,
awer aach ohne Mengenlehre sein se ganz gout im Rechne gewese,
denn des Land un de Wald, wej de Emesser-, de Lerche- und de Bullenberg,
dej Wohnestrut un die Gerhardshecke, überhaapt alles,
wu es sich lonte Geld nin zu stecke,
hun schun 1460, wej mer aus de Chronik erfährt,
bar bezahlt, Weilmiester gehört.

De aanzig Jammer woar, dass se ihrn Landesherrn oals Teilhaber uffnehme musste,
un do gob’s immer aan drunner, der sich nit oständig zu benemme wusste,
wej zum Beispill, Graf Alrecht, ab 1562 de oberste Boss im Nassauer Land,
su en richtige Durmel, ohne Gefoil un Verstand,
der hoa geglaabt, er könnt mit Weilmiester Rasselböck fange
un hoat weje jeder Klaanigkeit Streit ogefange,
ununnerbroche dej Abgawe un Steuern erhöht,
mer darf goar kaam verzähle, des us des heut nit vill besser geht,
iwwerhaapt ständig gepiekst un gepetzt,
uff ostännig Leut sei Soldsate un Hunde gehetzt,
un dafür sollte ihm die Bierger im Flecke,
aach noch de Teeueid leiste unn die Stiwwel lecke.

De dickste Hund awer woar, als die Bürjer entdeckte,
dess ihr Schuldheiß mit dem Lumpes in Weilburg unner aaner Decke steckte.
Na, den hoatte se schnell aus de Roatsstubb gehollt,
uff e Kärnche gebunne un durch de Flecke gerullt,
ganz ostännig de Frack gebüchelt un de Boart ausgerisse,
un wej mer verzählt, su obbe ohne im huhe Boge in die Weil geschmisse.

Mieh oals 40 joahr lang is de Streit als hie un hergegange,
Hat aaner uffgehiert, hoat de anner groad wirrer ogefange.
Irscht wej de gräfliche Fulder agbekroatzt woar,
suwoas kimmt jo – Gott sei Dank – aach bei Grafens voar,
hoat sei Verwandschat, de Kaiser Rudolf de II. ins Bild gesetzt,
mit de Oabsicht, dess der endlich aach emoal was schwätzt,
un he schrieb noach Weilmiester,
se sulle nit länger weij de Buchmarder schreie,
er tät ihne aach  - damit se endlich des Maul emoal halle, des Marktrecht verleihe.

Oam 28. August 1601 wurd dann im Flecke ausgeschellt
Und die ganz Gemaa o die Kirch am Maadplatz bestellt.
Durt woar schon oalles fei rausgeputzt mit Ginster und Tanne,
in aaner Eck hun 3 vom Echo un 6 Leut voam Uhland zum Singe bereit gestanne,
de Parrer hoat sich uff de Trepp glei gestellt un vo Gott un de Welt geschwätzt,
inzwischen hoat sich dej mimm grießte Durscht schuan haamlich oabgesetzt,
de Feuerwehr is brannteweinbefeuert mit brennende Fackeln dorim gefalle
un de Schultheiß hoat endlich sei Red gehalle.

Bürjer vo Weilmiester hoat er gesaat,
mir hun gewonne un mir halle de Maad,
su schlechtebächer wej de Albrecht, dej hun in Zuunft naut mieh ze lache
un fier imsunst bräucht kaaner im Flecke mieh de Hannes ze mache.

Un damit de Leut den Toag - us irscht Kirmes – nit vergesse,
sulle se hippe, singe un saufe un fresse.
Doas hoat de Gemaa bis heit su gehalle,
un – ihr Leut – das hoat Eich immer oarg gout gefalle.

Tags: Verein, Kultur

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