Bau der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster

Der Heimatverein Weilmünster erinnert

Von Rudi Czech, Dr. Elisabeth Knobling und Robert Dann. Redigiert von Heribert Domes, 2021

Am Ende des 19. Jahrhunderts begannen die vorbereitenden Arbeiten zum Bau der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster, 1897 ihrer Bestimmung übergeben, heute Vitos, eine Gründung der Stadt Frankfurt/Main und des Bezirksverbandes Wiesbaden mit dem Hintergrund, weitere Betreuungsplätze für psychisch kranke Menschen bereitzustellen.

Die Klinik Eichberg im Rheingau, nahe dem Kloster Eberbach gelegen, ist die älteste psychiatrische Klinik der preußischen Provinz Nassau. 1849 wurde die "Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg" (heute Vitos) in Betrieb genommen. Bis heute werden hier psychisch krankte Menschen behandelt. Gegründet wurde die Klinik aber bereits 1815 im nahegelegenen Kloster Eberbach. In der Klinik Eichberg hat man 1815 erstmals die psychisch kranken Menschen von den Kriminellen getrennt und sie als Kranke einer Behandlung und Betreuung zugeführt.

Mit dem Beginn der Neuzeit, auch bedingt durch die körperliche und seelische Belastung und Überanstrengung der Menschen, aber auch durch die Tatsache, dass man bis dahin viele mit seelischen Leiden behafteten Menschen bisher keiner stationären Behandlung zugeführt hatte, wuchs die Zahl der psychisch Kranken von Jahr zu Jahr. Die Plätze auf dem Eichberg reichten nicht mehr aus und ein Neubau einer weiteren Heil- und Pflegeanstalt an einer anderen Stelle im Land wurde notwendig.

Die Bewerbung Weilmünsters, um diese Einrichtung, war angeregt und umgesetzt durch den 1896 verstorbenen Landwirt Hermann Nickel, der jahrelang Kreisausschussmitglied gewesen war. Er war mit dem Landeshauptmann Otto Satorius befreundet, dessen Vater war Lehrer in Essen und dessen Großvater Georg Peter Satorius hatte bis 1822 hier in Weilmünster als Mädchenlehrer gearbeitet. Möglicherweise wirkte sich diese Freundschaft positiv auf die Standortwahl aus. Weilmünster gewann gegen die Mitbewerber Westerburg und Limburg. 20 Gehminuten oberhalb von Weilmünster gelegen, wählte man das gegenüber der Blumenmühle, rechts der Weil, am Berghang auf den früheren Felddistrikt „im Völdchen“ befindliche Gelände als Standort aus. Damals war es üblich, derartige Kliniken außerhalb der Gemeinden sowie weit entfernt von Ballungsräumen zu bauen um die Patienten von der Welt der Gesunden zu isolieren, zu disziplinieren und in der Anstalt dauerhaft festzuhalten. Für das Bauland erhielt die Gemeinde Weilmünster 11.000 Mark vom Kommunalverband.

Planungsbeginn war 1892/1893, für Weilmünster ein besonderes Ereignis. In der Zeit von 1895 bis 1897 entstand ein autonomes Gebilde, mit 8 Krankengebäuden, je ein Verwaltungs-, Wirtschaft-, und Werkstätten-Gebäude sowie eine Kirche, ein Leichenhaus, ein Bauernhof mit einer Anzahl von Wohngebäuden, ein Pferdestall, ein Hühnerhof und eine Gärtnerei zur Versorgung und Beschäftigung der Patienten. Das heutige Seifenheck war damals der Gemüsegarten der Anstalt. Zunächst war ihre Kapazität für 550 bis 600 Patienten geplant und durch die spätere Fertigstellung von zwei weiteren Krankengebäuden auf 800 erweitert worden. Die Belegung stieg vor dem ersten Weltkrieg bis auf 1000 Patienten an.

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Einweihungsfeier der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster am 31. März 1898. Foto: Archiv Heimatverein Weilmünster

Für den Bau der Landes-Heil- und Pflegeanstalt musste am Güterbahnhof Weilmünster alles mit der Bahn ankommende Baumaterial entladen werden. Die Bahnstrecke Weilmünster nach Grävenwiesbach, mit dem Bahnhof Kurhaus, ist erst 1907 gebaut worden. Die Gespann-Halter hatten eine zusätzliche Einnahmequelle. Mit ihren Fuhrwerken transportierten sie das am Bahnhof ankommende Material zur großen Baustelle an der oberen Weilstraße. Ein Segen für die Weilmünsterer Bevölkerung sowie der angrenzenden Region. Zahlreiche Bauarbeiter und Handwerker fanden während der Bauzeit Lohn und Brot für sich und ihre Familien.

Wenige Monate nach der Eröffnung, am 31. März 1898, lebten in der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster 171 Patienten. Sie wurden von 27 Wärtern und 26 Wärterinnen betreut. Außer dem ärztlichen Direktor Dr. Georg Langreuter wirkten noch zwei weitere Ärzte, ein Oberwärter und eine Oberwärterin, ein Verwaltungsleiter mit drei Mitarbeitern, ein Koch und eine Weißzeug Beschließerin in der Anstalt.

Die leitenden Persönlichkeiten waren mit ihren Familien sehr großzügig untergebracht und für die damaligen Verhältnisse gut bezahlt. Die Arbeitsbedingungen für das nachgeordnete Personal, insbesondere für das Pflegepersonal, war schlecht und der Lohn sehr gering. Der Anfangslohn eines Wärters, freie Station, Kleidung usw. belief sich auf 750 bis 800 Mark im Jahr. Neben dem regelmäßigen vierzehntägigen Jahresurlaub ist dem Aufsichtspersonal wöchentlich einmal ein Ausgang von drei Stunden gewährt worden. Die Wärterinnen sowie die Wärter waren mit ihren Patienten Tag und Nacht auf der Krankenstation eingeschlossen.
1911 wohnten in der Summe 1200 bis 1300 Menschen, Personal und Patienten zusammengerechnet, in der Anstalt. Im Vergleich dazu, im Jahr 1905 hatte der Marktflecken Weilmünster 1.671 Einwohner. Nach dem Tod vom ersten ärztlichen Direktor Dr. Georg Langreuter, Anfang der 1900er Jahre, folgte der Sanitätsrat Dr. Eberhard Lantzius-Begins in die Direktorenfunktion. Zu dieser Zeit standen ihm sechs weitere Ärzte zur Seite, von denen der Oberarzt Dr. Karl Schmelzeis stellvertretender Direktor war. Die Verwaltung leitete der Rendant Johann Baptist Priester und Ökonomieverwalter war damals Wilhelm Leininger.
Die Anstalt besaß auch eine Musikkapelle, die sich aus dem Personal rekrutierte. Sie spielte nicht nur für Veranstaltungen und Feiern innerhalb der Einrichtung, sondern auch auf der Kirmes und weiteren Tanzveranstaltungen im Marktflecken und in den Orten der Umgebung. Dadurch konnte so mancher Pfleger sein oft karges Gehalt aufbessern.

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Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster, eröffnet 1897. Aufnahme aus dem Jahr 1907. Foto: Archiv Heimatverein Weilmünster Die Anstaltspforte mit dem Pförtner Herrn Rübling. Aufnahme aus dem Jahr 1907. Foto: Archiv Heimatverein Weilmünster

Für den eigenen Bedarf und zur gelegentlichen Beschäftigung der Patienten war damals eine eigene Schlosserei, Schuhmacherei, Schreinerei und eine Schneiderwerkstatt eingerichtet worden. Soweit die Patienten sich dazu eigneten, wurden sie in den genannten Werkstätten sowie im landwirtschaftlichen Betrieb eingesetzt.

Anfänglich wirkte sich die 1897 in Betrieb genommene Heil- und Pflegeanstalt günstig auf das wirtschaftliche Geschehen in Weilmünster und den umliegenden Orten aus. Der Bäcker Schlicht aus Weilburg lieferte Brot, der Metzger Haibach aus Weilmünster Fleisch und Wurstwaren und der Landwirt Moritz Vonhausen aus Weilmünster die Milch, zur Verköstigung der Patienten.

Die sehr positive Entwicklung der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen. Zahlreiche männliche Mitarbeiter wie Ärzte, Pfleger und Verwaltungsangestellte sind zum Wehrdienst einberufen worden. Die Ernährung und Betreuung der Patienten verschlechterten sich und Seuchen forderten ihre Opfer.

Die Folgen des Ersten Weltkrieges wirkten sich noch einige Jahre nach Kriegsende hin aus. Die Anstalt war im Jahr 1920 fast ohne Insassen und sollte industriellem Nutzen zugeführt werden. Der Landesverwaltung mit dem Landesausschuss und dem kommunalen Landtag gelang es diese Einrichtung für soziale Aufgaben zu erhalten. Die Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster wurde 1921 Nassauisches Volkssanatorium und beherbergte erholungsbedürftige Erwachsene, Ferienkinder, kranke Kinder und alte Menschen.

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Tags: Verein, Kultur

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